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Aleksandr-Men-Preis 1998

Verleihung an Tschingis Aitmatow

Jan Eggers berichtete in der Stuttgarter Zeitung vom 26. Juni:

„Wir brauchen nicht nur Investitionen, sondern auch Vertrauen“

Der kirgisische Dichter Tschingis Aitmatow erhält in Stuttgart den Alexandr-Men-Preis

Ein Dissident ist Tschingis Aitmatow nicht. Der Schriftsteller ist mehrfacher Träger des Staatspreises der Sowjetunion, Mitglied der Kommunistischen Partei und saß über 20 Jahre lang im Obersten Kongreß. „Ich konnte die herrschende Partei nicht ignorieren“, sagt er heute dazu, „wenn ich meinem Volk und seiner Kultur dienen wollte, hatte ich keine Wahl.“ Als Kirgise am Rande des Sowjetreichs aufgewachsen, ist er alles andere als ein Apparatschik der alten russischen Zentralgewalt. Sein Vater wurde unter Stalin verhaftet und umgebracht. Seine erste Erzählung hat er auf kirgisisch veröffentlicht. Mitte der 80er schloß er sich der Perestroika an: „Als ich spürte, daß es einen konkreten Reformansatz gab, habe ich Gorbatschow unterstützt.“ Der berief ihn schließlich in seinen Präsidialrat.

Heute ist Aitmatow in Brüssel EU-Botschafter seines Landes, das verzweifelt gegen den wirtschaftlichen Zusammenbruch kämpft. Kirgistan gilt zwar unter den im Umbruch befindlichen Volkswirtschaften in Mittelasien als Musterland, politisch stabil und auf gutem Weg zur Marktwirtschaft – einige sprechen gar von der „Schweiz Mittelasiens“. Vom Wohlstand der Eidgenossen sind die Kirgisen aber noch weit entfernt. Selbst bei kräftigerem Wirtschaftswachstum wird es Jahrzehnte dauern, bis auch nur wieder die Wirtschaftskraft von 1987 erreicht wird. Zudem hängt das Land vom Handel mit Rußland und Kasachstan ab – doch der ist in den vergangenen Jahren eingebrochen.

Dementsprechend hofft der Botschafter Aitmatow auf Investitionen aus dem Ausland. „Erst jetzt haben wir festgestellt, daß die industrielle Entwicklung der Sowjetunion eigentlich nur im Zentrum stattgefunden hat“, sagt er. Doch von Kirgistan bis nach Moskau ist es weit. Dem kleinen Land, von kargen Hochgebirgslandschaften geprägt, blieben nur etwas Landwirtschaft und einige Rohstoffe. Immerhin, betont Aitmatow, bietet Kirgistan die Voraussetzungen, um in großen Mengen Elektrizität zu erzeugen. Die vielen Gebirgsflüsse laden Investoren geradezu dazu ein, Kraftwerke zu bauen, sagt der Schriftsteller. „Unsere Hoffnung richtet sich auf die Energieerzeugung.“ Vom Westen wünscht sich Aitmatow nicht nur Investitionen, sondern auch Vertrauen. „Wenn der Westen anerkennt, daß wir auf dem Boden von Demokratie und Freiheit stehen, muß eine Nähe zu spüren sein.“ Man müsse sein Land als Partner wahrnehmen, nicht als Entwicklungsland. „Ich hatte eine Vision“, schwärmt der Dichter. „Ich hatte gedacht, daß ein Höhenflug für unser Land beginnt, wenn wir Demokratie und Freiheit erreichen.“ Aitmatow beklagt den Mißbrauch dieser Freiheit. Viele Menschen gingen nicht verantwortlich mit ihr um. Ein Beispiel nennt er nicht, sagt aber: „Der Egoismus ist eine Gefahr für die Demokratie.“ Daß das Volk seines von ethnischen Konflikten belasteten Landes mitunter nach der starken Hand rufe, kann er nachvollziehen, aber: „Dieser Weg führt zurück in die Konzentrationslager.“

„Eine große Drehscheibe der menschlichen Entwicklung“ nennt Aitmatows Übersetzer Friedrich Hitzer Zentralasien. Aitmatow wolle mit seinen vielen Kontakten zu Literaten in Ost und West verhindern, daß die Region zum Aufmarschgebiet der Großmächte wird. Dafür hat die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart Aitmatow nun mit dem Aleksandr-Men-Preis ausgezeichnet. Der Preis wird gemeinsam mit einer Moskauer Literaturzeitschrift und dem Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Tübingen vergeben. Erinnern soll er an den Priester Aleksandr Men. Der zählte zu den Vordenkern der Intelligenzia in der Perestroika und wurde 1990 unter mysteriösen Umständen ermordet. „Tschingis Aitmatow hat in kongenialer Weise das geleistet, was Men verwirklicht sehen wollte: eine Brücke zwischen den Kulturen“, preist Günther Bien von der Akademie den Preisträger.


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