Gesellschaft gemeinsam gestalten - Islamische Vereinigungen als Partner in Baden-Württemberg
Ausgangslage: Der Islam als „eingewanderte“ Religion
Auch nach einem mehr als 40jährigen Einwanderungsprozess nach Deutschland und – allgemeiner – in die westeuropäischen Staaten ist das Zusammenleben von Mehrheit und eingewanderten Minderheiten immer noch von wechselseitiger Unkenntnis und Befangenheit. Dies betrifft insbesondere das Verhältnis zu den teilweise schon in der vierten Generation in Deutschland lebenden Muslimen. Dem Integrationsanspruch der Einwanderungsgesellschaft fehlt bis heute eine Konkretisierung für den weltanschaulich-religiösen Bereich. Dabei geht es auch um die Frage, ob und wie religiös fundierte Wertvorstellungen in Konflikt mit hiesigen Verfassungsgrundsätzen stehen und ob dies die Loyalität von Muslimen gegenüber dem Gemeinwesen beeinträchtigt. Versäumtes muss mühsam nachgeholt werden. Jahrzehntelange Fehleinschätzungen verhinderten frühzeitige Grundentscheidungen. Die lange Zeit vorherrschende Vorstellung vieler Beteiligter, die Arbeitskräftewanderung sei ein temporäres Phänomen, hat notwendige Klärungsprozesse verzögert oder gar verhindert. Ein bis heute andauerndes weitgehendes Nebeneinander ist die Folge. Die Erkenntnis der faktischen Einwanderung - mit Daueraufenthalt eines überwiegenden Teils der Einwanderer - ist erst seit wenigen Jahren politisch konsensfähig. Dadurch ergeben sich Konsequenzen für den Dialog und die Dialogfähigkeit der Religionen. Auch wenn Zuwanderer inzwischen vielfach eingebürgert sind, gehen Grenzen durch unsere vom Nebeneinander vieler Kulturen und Religionen geprägte Gesellschaft. Ein tragfähiges, vom Wissen um Gemeinsamkeiten und Unterschiede wie von der Überzeugung um die Alternativlosigkeit einer gemeinsamen Zukunft geprägtes Fundament für das Zusammenleben steht bis heute aus. Die Erfahrung zeigt, dass diejenigen, die in ihrem jeweiligen Kontext Versuche unternommen haben, die Distanz zu überwinden, sich vielfältiger Kritik an ihrem Vorgehen und an der Sinnhaftigkeit solcher Versuche überhaupt ausgesetzt sehen.
Gegenstand des Projekts: Islamische Vereinigungen in ihren Beziehungsfeldern
Vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Aktivitäten im migrationspolitischen Diskurs und im interreligiösen Dialog stellt sich die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart dieser Herausforderung. Das Projekt baut dabei auf einer dreijährigen Tagungsreihe auf, die die Akademie zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung von 2004 bis 2006 durchführte. Mit Förderung der Robert Bosch Stiftung konnte daraufhin ein auf zwei Jahre (2006 - 2008) angelegtes Projekt initiiert werden, das – im Unterschied zu ausschließlich wissenschaftlich orientierten Vorgehensweisen – die vielfältige muslimische Wirklichkeit im Land Baden-Württemberg aktivierend in den Blick nimmt und insbesondere nach förderlichen bzw. hinderlichen Bedingungen für religiösen und gesellschaftlichen Dialog fragen möchte. Das Projekt nimmt das gesamte islamische Spektrum (sunnitisch, schiitisch, alevitisch) in den Blick. Islamische Vereinigungen sind Teil dieser Wirklichkeit und nehmen damit auch als Akteure an deren Gestaltung teil. Diese Vereinigungen sind in der Regel mehr als ein Ort der reinen religiösen Lebensführung. Mit zahlreichen sozialen Angeboten wie die Initiierung von gemeinsamen Aktivitäten, Beratungen und Hilfestellungen sie ein hohes Integrationspotential. Sie treten in vielfältiger Weise mit ihrer Umgebung in Kontakt – sei es durch Tage der offenen Moschee, durch Dialogveranstaltungen, durch gemeinsame Aktivitäten mit anderen Institutionen oder durch Moscheebauten.
Ziele des Projekts:
Inzwischen liegen vielfältige Erfahrungen über bereits existierende Kontakte und gelingende Dialogprojekte zwischen öffentlichen Einrichtungen, kommunalen Integrationsbeauftragten, Bürgermeistern, kirchlichen Mitarbeitern auf der einen Seite sowie islamischen Vereinigungen auf der anderen Seite vor. Diese Dialogerfahrungen wurden jedoch bisher weder systematisch aufgearbeitet noch überregional verwertet. Das Projekt soll solche Prozesse partnerschaftlicher Zusammenarbeit ausfindig machen. Dennoch fehlen grundlegende Informationen, die zu einer sachkundigen Einschätzung über etwaige islamische Partner befähigen und einer interessierten Öffentlichkeit Kriterien für die Zusammenarbeit plausibel machen können. Diese unbefriedigende Situation kann nur durch einen fundierten Klärungsprozess aufgebrochen werden. Das Projekt "Gesellschaft gemeinsam gestalten" soll die beschriebenen Lücken füllen.
Datenerhebung: „Durch Wissen Wirklichkeit verändern“ Islamische Vereinigungen existieren für die deutsche Mehrheitsgesellschaft oft im Verborgenen. Dies ist häufig Anlass für gegenseitiges Unbehagen, Missverständnisse oder gar Ablehnung. Die Datenerhebung soll die Vielfalt islamischen Lebens in Baden-Württemberg und Kontaktpunkte zum nichtislamischen Umfeld aufzeigen. Schwerpunkt für die Datenerhebung sind zum einen Repräsentanten muslimischer Vereinigungen (Imame, Vorsitzende etc.), zum anderen Vertreter kommunaler und kirchlicher Strukturen. Dies ermöglicht es, Kooperationsprojekte zu erfassen, neue Wege der Zusammenarbeit anzuregen, kritische Diskussionen anzustoßen und Vorbehalten bei verschiedenen Beteiligten mit einer fundierten Argumentation zu begegnen.
Kritische Klärung: „Rahmenbedingung für gelingende Zusammenarbeit“ Erfahrungsgemäß ist eine Zusammenarbeit nur unter bestimmten Bedingungen möglich (z.B. Vertrauen, Kontinuität, Verlässlichkeit der Gesprächspartner). Unklare Kriterien ohne eine ausreichende argumentative Basis bremsen und blockieren Aktivitäten. Im Rahmen der Datenerhebung werden die verschiedenen lokalen Akteure auch danach befragt, welche Kriterien und Rahmenbedingungen sie für den Dialog und die Zusammenarbeit als wichtig erachten. Die verschiedenen Positionen in dieser Frage sollen ausgewertet werden und stehen dann als Grundlage für eine weitere und vertiefte Zusammenarbeit mit islamischen Vereinigungen zur Verfügung.
Aktivierung – „Nachhaltigkeit durch Schritte auf Seiten aller Beteiligter“ Es ist an der Zeit, diejenigen Kräfte zu unterstützen, die eine dauerhafte Orientierung auf Deutschland hin anstreben. Die Befragungen sollen zu sachlichen Klärungen auf Seiten der islamischen Vereinigungen führen und sie zum Zugehen auf politische und kirchliche Partner aktivieren. Auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft soll das Projekt ein Zugehen auf islamische Vereinigungen ermöglichen. Schließlich sollen Imame in ihrer Rolle als Ansprechpartner für Kirchen, Kommunen und soziale Einrichtungen in den Blick genommen werden. Imame sind heute zusammen mit anderen Vertretern islamischer Vereinigungen aber auch als Berater in sozialen Fragen, als Begleiter von Integrationsprozessen, als Repräsentanten der Gemeinden nach außen und als Gesprächspartner für kommunale Einrichtungen und bürgerschaftliche Initiativen gefragt.
Konkretes Vorgehen: Umfassende Recherche in Baden-Württemberg
Zielgruppen sind islamische Vereinigungen in Baden-Württemberg sowie deren kommunale, kirchliche und sonstige Partner. Es sollen nicht nur die großen Organisationen berücksichtigt werden, sondern auch neue Initiativen, die beispielsweise im interreligiösen Dialog oder im Bereich der Bildungsarbeit tätig sind. Exemplarisch sollen verschiedene ländliche und städtische Gebiete erfasst werden, darunter die Großräume Mannheim und Stuttgart. Im Mittelpunkt des Projekts steht die Recherchetätigkeit sowie die Kontakt- und Netzwerkarbeit durch die Akademie der Diözeses Rottenburg-Stuttgart und in der Vergangenheit durch die Projektmitarbeiterin, Frau Ayse Almila Akca M.A., einer Politik- und Islamwissenschaftlerin mit Migrationshintergrund. In primär mündlichen und zum Teil schriftlichen Befragungen der Zielgruppen geht es um folgende Themenfelder:
Aktivitäten im interreligiösen Dialog und Beiträge zur Integrationsarbeit
Erfahrungen mit Öffentlichkeit (z.B. Moscheebau)
Verhältnis Islamischer Vereinigungen zu Islamischem Religionsunterricht
Durch Gespräche mit verschiedenen Funktionsträgern von islamischen Vereinigungen sowie kirchlichen und kommunalen Mitarbeitern sollen Daten erhoben und kritisch gesichtet werden. Im Falle islamischer Vereinigungen kann dies nur durch eine intensive persönliche Kontaktaufnahme geschehen. Die Institutionalisierungsprozesse auf muslimischer Seite werden so nicht sich selbst überlassen, sondern im Sinne der Integration positiv unterstützt. Begleitet und beraten wird das Projekt durch eine Reihe von Experten aus öffentlichen Einrichtungen und verschiedenen mit der Thematik befassten Institutionen.
Spezifika der Tagungsreihe und weitere Perspektiven:
Durch den Erfolg der 2-jährigen Projektdauer ist eine auf 5 Jahre angelegte Tagungsreihe entstanden, die nahtlos an das vorhergehende Projekt anknüpft. Daraus ist folgendes Profil der Tagnungsreihe entstanden:
Die Tagungsreihe ist handlungsorientiert und praxisnah ausgerichtet. Ergebnisse sollen in Diskussionen sowohl in den jeweiligen Orten als auch in vergleichbaren Kontexten eingebracht werden und sich so für alle Beteiligten als fruchtbar erweisen.
Die systematische Aufarbeitung der Beziehungen bietet eine solide Grundlage für die weitere Tätigkeit der verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen wie kommunalen Stellen, Integrationsbeauftragten, sozialen Einrichtungen, Schulen, Kirchen und Dialoginitiativen. Umgekehrt soll das Projekt die aktive Teilhabe von islamischen Vereinigungen an dieser Gesellschaft unterstützen, so dass diese mit ihren Anliegen an entsprechende Institutionen herantreten und Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen erwerben können.
Die Tagungen beziehen islamische Vereinigungen aktiv ein und verstehen sich auch als ein Beitrag für innerislamische Klärungsprozesse.
Die Ergebnisse sollen einen Beitrag zur Debatte über erforderliche Kompetenzen von Imamen und das Profil einer zukünftigen Ausbildung von Imamen in Deutschland leisten. Institutionalisierung des Islam und Aus-/Weiterbildung von Imamen sind zentrale Fragen für die Stellung des Islam in der pluralistischen Gesellschaft.
Modellversuche für islamischen Religionsunterricht in Baden-Württemberg seit 2006 leiten die Integration des Islam in das Bildungssystem ein. Das Zugehen auf islamische Vereinigungen und Imame ist dringend erforderlich, damit es zu einem produktiven Miteinander von Schulen und Gemeinden, von Religionsunterricht und Koranschulen, von Orientierung an deutscher Sprache und Orientierung an Herkunftssprache/-kultur kommt.
Es handelt sich um ein europaweit modellhaftes Projekt, dessen Ergebnisse im Anschluss auch in europäische Diskussionen eingebracht wurden.